Detlef Scheer

Beliebte Falle im Video-Meeting: Der Mensch hat nicht nur vier Ohren, sondern auch vier Augen!

Seit der Idee des Hamburger Psychologen Friedemann Schulz-von-Thun hat sich fast schon als selbstverständlich verbreitet, der Mensch habe vier Ohren. Er hört nicht, was der Sender einer Botschaft sagen möchte, sondern was sein Hirn aus der gesendeten Botschaft macht: Die Bedeutung von Kommunikation entsteht beim Empfänger.

Beliebtes Beispiel: Das Ehepaar ist auf dem Weg zur Oper, Heinrich fährt und Erika sitzt auf dem Beifahrersitz. Er wäre lieber auf dem Weg zum Bundesliga-Spiel HSV gegen Werder Bremen, aber er hat Ihr zum Geburtstag ein Abo für die Oper geschenkt, und nun ist die Zeit knapp geworden, die beiden stehen kurz vor Beginn der Oper an einer roten Ampel. Da sagt sie: „Du, da vorne ist grün!“

  

Abb. 1: Die vier Ohren einer Nachricht (nach Friedemann Schulz-von-Thun, Foto: Scheer)

Das Sachohr hört: „Die Ampel ist grün“ (unwahrscheinlich, aber diese Information ist enthalten!)

Das Appellohr hört: „Mach hinne, gib Gas!“

Das Beziehungsohr hört: „Wenn ich fahren würde, wären wir längste da!“ oder „Fahren kannst Du also auch nicht!“ und

Das Selbstoffenbarungsohr hört (selten, das Ohr zu hören kann deeskalieren helfen): „Ich will nicht zu spät kommen! Ich bin ungeduldig!“

Soweit so gut! Man kann sich gut ausmalen, was Heinrich noch alles hören mag. Je nachdem, was vorher noch während der Vorbereitungen zum Aufbruch geschehen ist. Jetzt gibt es aber Situationen, wo zwar auch das Ohr, also das Hören eine große Rolle spielt, mindestens aber auch der visuelle Eindruck, zumal kaum etwas anderes an Sinneseindrücken möglich ist. Z.B. bei einer  der Videokonferenzen, von denen ja bekanntlich seit Beginn des Corona- Desasters einige plötzlich anfallen…

Besonders schwierig ist es ja schon meistens, dass es kaum möglich ist (jedenfalls wenn man nicht in einem Spezialstudio sitzt), dem Gesprächspartner in die Augen zu schauen. Man kann sich dran gewöhnen, irritierend ist es auch noch nach längerer (Übungs-)Zeit. Gerüche und taktile Eindrücke fallen komplett weg und die gesamte Situation ist eben keine gemeinsame. Unser Hirn sucht jetzt nach Anhaltspunkten, was ihm seine Augen denn nun „berichten“ vom Gesprächsgegenüber…

Und hier kommen die „vier Augen“ ins Spiel.

Nach einer Idee des Schweizer Architekten, Fotografen, Autors Martin Zurmühle und in Anlehnung an die vier Ohren von Schulz-von Thun passiert mit visuellen Eindrücken, die jemand hat, Ähnliches wie mit den auditiven, um die es bei Schulz von Thun vornehmlich geht.

Zurmühle-Idee und  Schulz-von-Thun-Modell:

Das Form-Auge entspricht dabei quasi dem Sach-Ohr

Das Erzähl-Auge quasi dem Appell-Ohr

Das  Gefühls-Auge quasi dem Beziehungs-Ohr

Das Ich-Auge quasi dem Selbstoffenbarungs-Ohr

Nach Zurmühle hat der Mensch neben dem visuellen Wahrnehmungsorgan selbst die vier folgenden „Augen“,

die dem Gesehenen Bedeutung verleihen:

Abb. 2: Die vier Augen (nach Martin Zurmühle, Foto: Scheer)

Diese „vier Augen“ haben nun eine sehr eigene Art, die wahrgenommenen Eindrucke zu „sehen“:

(1) Das Form-Auge sieht Formen – wie üblich – und interpretiert sie auch wie es die Gewohnheit bisher belegte:

Beispiel: Vertikale Gerade (z.B. die Leisten an Schränken oder Türen im Hintergrund), manchmal auch völlig verzerrt …

Folge: Die Irritation selbst ist vorprogrammiert, die Interpretation unbewusst vom Betrachter abhängig und selbstverständlich sehr unterschiedlich, wenn diese Linien beispielsweise  „gekippt“ sind, also z.B. irgendwie größenverhältnismäßig nicht stimmig sind

(2) Das Erzähl-Auge sieht die Geschichten über die Personen und Zusammenhänge mit anderen „Kulissen-Teilen“, die Interpretation läuft wiederum im Kopf des Betrachters, möglicherweise eher unbewusst, aber nicht ohne Wirkung, auf jeden Falls ausgelöst durch die „Kulisse“

Beispiel: „Was für ein kahles, ungemütliches Zimmer…!“, „wie unordentlich!“, „der sitzt im Wohnzimmer?!“, „was macht denn der andere da im Hintergrund dauernd!?“ usw.

(3) Das Gefühls-Auge sieht Gefühle/Emotionen, die „im Bild“ beim Betrachten entstehen, stark unterschiedlich und schwer gezielt zu beeinflussen, entweder vom „Regisseur“ dieser Szene beabsichtigt oder nicht, sie entstehen.

(4) Das Ich-Auge sieht Dinge, die der Fotograf, bzw. Partner in Videokonferenzen vermeintlich über sich selber ausdrücken will. Seine Einstellung zu einem bestimmten aktuellen Thema beispielsweise.

Konsequenz:

Man mache sich ein paar Gedanken, wie die eigene „Kulisse“ wohl auf die in einer Videokonferenz zu erwartenden Gesprächspartner wirken könnte. Dazu hilft natürlich die mehr oder weniger vorhandene Fähigkeit zur Perspektiven-Übernahme, oder eine Portion Empathie. Es gibt keine Garantie, weil die „Wahrnehmungen“ von Menschen, also das „Für wahr halten“ von bestimmten Beobachtungen von sehr vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst, nicht immer vorhersehbar sind.

Im Zweifel kann es sehr hilfreich sein, den einen oder anderen Kollegen oder Videokonferenzpartner, zu dem man ein vertrautes Verhältnis hat zu fragen.

Vorsicht Falle bei Videokonferenzen: Die vier Augen des Menschen