Nach der Pandemie nur noch virtuelle Seminare und Besprechungen?

Die genervten Äußerungen von Teilnehmern an den unzähligen Videokonferenzen seit Ausbruch der Pandemie klingeln immer wieder im Ohr:

„Du kannst Dich nicht drauf verlassen, dass die Technik durchhält: Plötzlich ist das Bild oder der Ton (oder beides) weg!“

„Die Leute kommen und gehen, Du kannst Dich auf nichts mehr verlassen!“

„Die Chefs nehmen einfach keinerlei Rücksicht, ob sich jemand in einer Konferenz befindet oder auf einem Online-Seminar oder nicht. Mittendrin wirst Du mit Beschlag belegt!“

Als Trainer oder Moderator hat man es auch nicht gerade leicht, wenn man in mühsamer Kleinarbeit ein verhaltensgesteuertes Planspiel für ein Führungskräftetraining, das sich seit Jahren in Präsenzseminaren bewährt hat, soweit bearbeitet hat, bis es in einem Online-Seminar vernünftig einsetzbar ist:

Plötzlich ist ein Teilnehmer nicht mehr erreichbar, weil er sein Kinder gerade vom Kindergarten abholen muss. Allerdings ungeplant. Eine Teilnehmerin kann am zweiten Tag nachmittags nicht, ein dritter sagt am ersten Tag 20 Minuten vor Beginn seine Teilnahme komplett ab. Ein weiterer Teilnehmer hat „keine Kamera, weil der Chef ihm keine bezahlen will…!“

Mitten in einer Planspielauswertung, während der persönlichen Feedback-Phase, wird ein Teilnehmer von seinem Chef „abberufen“, weil der plötzlich ein Meeting plant. Dieser Teilnehmer bekommt sein Feedback aus dem Planspiel z.B. gar nicht erst mit. Und damit eines der wichtigsten Elemente der Veranstaltung. Natürlich wird versucht, das zu einem anderen Zeitpunkt nachzuholen. Als Profi will man ja auch nicht einen einzigen Teilnehmer „im Regen stehen lassen“. Natürlich folgt eine Diskussion über diese Störung, und die kann sehr fruchtbar sein, aber es hebt den Stress-Level aller Beteiligter auf ein Niveau, dass man nicht unbedingt als lernfördernd bezeichnen muss. Es sei denn, man hat genügend Zeit, diese Störungen erstens zuzulassen und ihre gesamte negative Wirkung entfalten zu lassen. Dann gilt es die Chance zu ergreifen, zusammen mit allen TeilnehmerInnen, die an der kontraproduktiven Entwicklung in der einen oder anderen „Rolle“ beteiligt oder deren Leittragende waren, diese Störung auszuwerten und das Ergebnis quasi als Grundlage für die Entwicklung von Regeln für die zukünftige virtuelle Zusammenarbeit zu nutzen.

Mit einem Mal bekommt das Gesamtgeschehen so ein ganz anderes, nützliches Gesicht und die Konsequenzen gehen über die enge Bedeutung einer „organisatorischen“ oder „technischen“ Panne innerhalb einer Video-Konferenz hinaus.

Beispielsweise könnte es dazu führen, dass Mitarbeiter (auch Führungskräfte!) mit ihren eigenen Führungskräften umso deutlicher klären, wer wen unter welchen Umständen kontaktieren oder gar aus einer Veranstaltung herausholen darf, die schließlich ein ganz normaler Teil der Arbeit von z.B. Führungskräften darstellt und nicht eine beliebige Freizeitbeschäftigung.

Die resultierenden Auseinandersetzungen, gegenseitigen Feedbacks (wenn sie denn nach den bewährten Regeln gegeben werden) haben positive Wirkungen auf die Zusammenarbeit unter virtuellen und allen anderen Bedingungen, wenn sie tatsächlich konstruktiv geführt werden.

Das zeigen eindeutig die Erfahrungen mit Teilnehmern, die zwar im Homeoffice saßen, Aufgaben hatten, aber ohne brauchbare Technik allein gelassen wurden. Genauso, wie z.B. die, die ihre eigene Unerreichbarkeit zu eigenen Gunsten genauso deutlich machen konnten, wie das im normalen „Präsenzleben“ selbstverständlich ist.

Was wird die Zukunft also vernünftigerweise bringen?

Anzunehmen, dass es in Zukunft nur noch digitalisierte Formen von Weiterbildung gibt, ist ebenso keine vernünftige Annahme wie die Hoffnung, dass „nach der Pandemie“ alles wieder so wird, wie es früher einmal war.

Die positiven Aspekte von virtueller Weiterbildung liegen auf der Hand und wurden schon oft, u.a. in der Einleitung der aktuellen projektmagazin-Blogparade genannt.

Digitalisierte Weiterbildungsmaßnahmen kosten insgesamt weniger Zeit und Geld und sind deshalb u.U. mit den alltäglichen beruflichen Notwendigkeiten besser vereinbar. Sie sind global verfügbar und asynchron konsumierbar.

Auch die positiven Aspekte von Präsenzveranstaltungen liegen auf der Hand:

Der persönliche Austausch fällt leichter, durch den höheren Aufwand ergibt sich ein höheres Commitment tatsächlich teilzunehmen. Manchmal ist natürlich auch der Ortswechsel selbst durchaus Kreativitäts- und für eine konstruktive Atmosphäre fördernd. Die Möglichkeiten, leichtere und persönlichere Kontaktaufnahmen mit einzelnen Personen zu betreiben, Gruppendynamik direkt zu erleben, und Inhalte, die sich einfach besser im persönlichen Kontakt vermitteln lassen, weil sie z.B. eben diesen persönlichen Kontakt zwischen Menschen betreffen, sprechen für sich selbst.

Vielleicht müssen wir in Zukunft viel mehr darüber nachdenken, was wir mit welcher Weiterbildungs-“maßnahme“ überhaupt erreichen wollen!

Für das eine Ziel sind virtuelle Kontexte zielführend und preiswert und erhöhen geradezu dramatisch das Angebot und die Möglichkeiten, es wahrzunehmen. Auf der anderen Seite bleiben Präsenzveranstaltungen für bestimmte Zwecke unentbehrlich.

Vielleicht wird es sogar so sein, dass virtuelle Veranstaltungen erst den notwendigen Raum für wichtige andere Aspekte in Trainings und Seminaren schaffen! Um dann während teurerer und organisatorisch aufwendiger zu gestaltender Präsentveranstaltungen umso konzentrierter an Themen und Phänomenen arbeiten zu können.

Ohne dass einem nämlich eine Form von banaler Wissensvermittlung die Zeit dafür abspenstig machen kann.

In Zukunft also das beste von beiden Möglichkeiten ausschöpfen?

Begreift man die Pandemie als zwar aufgezwungene, aber doch effektive Lernchance, dann spricht allerdings nicht dagegen, entsprechend zu agieren.

Die Erfahrungen mit Teilnehmergruppen in den letzten Jahren zeigen z.B. eindeutig (auch ohne den Einfluss der Pandemie), dass virtuelle Treffen von Gruppen, z.B. in Form von gegenseitiger kollegialer Beratung (Reflecting Teams) sehr viel angenehmer und schließlich auch effektiver sind, wenn man sich wenigstens einmal vorher in einer Präsenzveranstaltung kennengelernt hat.

Nach einiger Zeit verblasst dieser Effekt allerdings wieder etwas, und es empfiehlt sich, inter-mittierend persönliche Treffen zu veranstalten, um ein z.B. für diese Arbeit vertrauensvollen und persönliches Verhältnis aufrecht zu erhalten.

Das eine schließt das andere also nicht aus. Im Gegenteil: Sorgfältig bedacht ist die eine Form so sinnvoll wie die andere. Mit allen Konsequenzen für die Veranstalter und die Teilnehmer und den Zielen, die mit einer Veranstaltung überhaupt verbunden sind.


Unter dem Link: Zukunft der Weiterbildung

findet Ihr und finden Sie eine gerade gestartete „Blogparade“ zum Thema digitalisierte Weiterbildung.

 Die Blogparade läuft bis zum 1. Februar 2022. Alle, die einen Artikel beisteuern, erhalten ein kostenfreies Jahresabo des projektmagazin (im Wert von je 109 Euro brutto. Diese Angaben ohne Gewähr). Informationen auf der Website vom projektmagazin (s.o.)

Digitalisierung der Weiterbildung?