Besuch Dich doch mal selbst!

Sich selbst interviewen: Ein höchst interessantes Gespräch

Wann haben Sie sich eigentlich das letzte Mal selbst gefragt, was Sie eigentlich (noch)(erreichen) wollen? Bei der letzten Urlaubsvorbereitung? Beim letzten Jobwechsel? Bei der letzten Wohnungssuche? Beim letzten Autokauf? Oder haben Sie das – wie sonst auch – andere entscheiden lassen? Erst die Eltern und evtl. die Verwandten, dann die Lehrer, die Freunde und Bekannten oder andere wichtige Menschen mit Ihren pädagogisch wertvoll erscheinenden Konzepten und gut gemeinten Ratschlägen? Und ihrem Wissen um „richtig“ und „falsch“ im Leben?

Wieviel Fremdsteuerung ist gut für uns?

War es nicht vielleicht so eine Art kleiner Mann im Ohr, der Sie da – wie schon so oft in der Vergangenheit – „beraten“ hat, ob Sie nun einen Rat haben wollten oder nicht? Oder Ihr „inneres Team“? So nannte bekanntlich Friedemann wie Schulz-von-Thun die „Repräsentanten“ uns wichtiger Bezugspersonen, die oft ein Leben lang unser Hirn zu besetzen scheinen und deren Führungskraft wir eigentlich selbst sein sollten, um nicht die Regie über unser eigenes Leben zu verlieren. Dieses Team macht sowieso seit längerer Zeit, was es will? Und es informiert Sie eigentlich nicht einmal mehr, geschweige denn dass es Sie fragt, was Sie selbst eigentlich wollen?

Haben Sie auch immer wieder einmal das Gefühl „Eigentlich bin ich ganz anders – ich komm‘ nur viel zu selten dazu!“ (Udo Lindenberg in einem seiner letzten Songs). Wann haben Sie zuletzt unvoreingenommen mit dem Chef Ihres inneren Teams (also mit Ihnen selbst) besprochen, was für ein Entwurf eigentlich hinter dem ganzen Stück stand, früher, jetzt oder auch für den Rest Ihres Lebens?

Es gibt Menschen, für die sind immer die anderen wichtiger als sie selbst. Im Allgemeinen ist das bei uns auch gesellschaftlich anerkannt, also positiv sanktioniert. Wir gehen selbstverständlich Kompromisse ein und stecken zurück, wenn wir anderen helfen können, sie unterstützen. Und das ist ja auch gut so. Ohne solche Gewissheiten über das Verhalten anderer kann man nicht zusammenleben. Wir generalisieren aber oft zu stark. Wir wissen, dass wir nicht immer alles haben können und glauben vielleicht sogar, die Welt sei womöglich nur für die anderen da – für die Großkopferten, die Mächtigen, die Reichen, die Freien, die offenbar keinen Sachzwängen unterliegen. So wie wir. Egoismus ist bei uns nicht gern gesehen. Wir sind schließlich soziale Wesen. Im Extremfall verhalten wir uns aber leider oft lieber uns selbst gegenüber unsozial als anderen. Natürlich helfen wir andern, die aus welchen Gründen auch immer in Not sind. Und wir erfinden auch keine Ausreden, dies nicht zu tun. Wenn wir uns aber insgesamt so wenig selbst helfen, bis uns im Wortsinn nicht mehr zu helfen ist, können wir auch anderen nicht mehr helfen!

Jemand, der über sich selbst die Regie verloren hat, kann anderen nicht gut helfen!

Ganz abgesehen davon, dass tatsächlich sozial handelnde Wesen bei uns langsam Mangelware zu werden scheinen, haben viele von uns den anerzogenen Kurs so (falsch verstanden) verinnerlicht, dass für uns selbst im eigenen Leben gar kein Platz mehr bleibt. Eines Tages nimmt das Unwohlsein überhand und katapultiert uns vom gemütlichen Mitlebenssofa mitten in die richtige Welt. In der müssen wir aber dann ganz alleine leben, weil wir vor lauter Rücksicht auf unsere Familie, Partner, Freunde völlig profillos und uninteressant für neue, frische Beziehungen geworden sind. Glücklich die, die dann noch aufrecht auf beiden Beinen laufen können! Die anderen müssen es erst wieder lernen.

Dein Inneres: Eine ewige Baustelle

Schön wäre es doch, rechtzeitig mit sich selbst ein ernstes Interview zu führen. Nicht nach dem Motto „Gehe in dich!“ – „Ja, da war ich schon, da ist auch nichts los!“, sondern so, als   würde man einen ganz interessanten, fremden Menschen neugierig kennenlernen wollen. „Du machst hier gleich mit ein‘m Bekanntschaft, den ich genauso wenig kenne wie du!“ (Unser National-Udo in seinem Song „Ganz anders!“).

Ein systemisch-konstruktivistisches Selbstgespräch könnte zum Beispiel die folgenden Fragen beinhalten: „Was würden Sie tun, wenn Sie keinerlei alltäglichen Beschränkungen unterlägen?“, „Woran würden Sie selbst als erstes merken, dass Sie wirklich glücklich sind?“, „Was würden Sie tatsächlich nie entbehren wollen?“, „Worauf könnten Sie ohne Verlustgefühle verzichten?“, „Wovon würden Sie sich mehr oder weniger sofort trennen, wenn Sie könnten?!“ „Was möchten Sie noch lernen?“ „Wie würden Sie selbst antworten, wenn Sie sich selbst fragen würden?“

Der mögliche und zielführende Fragenkatalog scheint uns schier endlos und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Hilfsweise können Sie sich aber immer fragen: „Welche Frage müsste ich mir jetzt eigentlich stellen, um wirklich einen Schritt weiter zu kommen?“

„Du brauchst keinen Lehrer, der Dich beeinflusst. Du brauchst einen Lehrer, der Dich lehrt, Dich nicht mehr beeinflussen zu lassen!“, sagt der Dalai Lama.

Also: Kein Grund, sich nicht einmal selbst zu besuchen und zu schauen, ob man wirklich noch Lust verspürt, den Rest des eigenen Lebens mit sich verbringen zu wollen. Oder ob es nicht doch lohnt, die eigene Baustelle mal wieder aufzumachen.

Neu: Wann waren Sie zuletzt bei sich selbst zu Besuch?

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